Surinam fliegt auf Austro-Hightech

> CORPORAID – Story 2010 (by Harald Klöckl)

10/2012 – Österreichische Wissenschafter haben das Pilotprojekt zur Erfassung von fast 15 Millionen Hektar Tropenwald in Surinam in Südamerika an Land gezogen. Ein Abkommen mit dem Land bietet weitere Business Opportunities für Umwelttechnik, erneuerbare Energie und mehr. Interesse an der Waldinventur mit Hilfe einer neuen Methode kommt auch von anderen Ländern.

Anfang 2011 war das Projekt eigentlich unterschriftsreif. Eine siebenköpfige Delegation unter Führung der Projektentwicklungsagentur Austrian Natural Resources Managament and International Cooperation Agency ANRICA war im Herbst davor in Surinams Hauptstadt Paramaribo gereist, um im Beisein von Ministerialbeamten, Diplomaten und dem Wirtschaftsdelegierten die erste Waldinventur des Landes zu vereinbaren. Doch im Vorjahr war in dem nördlich von Brasilien gelegenen Land dann plötzlich alles anders. Neuer Präsident, viele neue Minister, neue Spitzenbeamte. „Wir mussten sozusagen wieder zurück an den Start“, erzählt Markus Sommerauer.

Doch im Mai 2012 wurde das Projekt endgültig besiegelt: Im Auftrag der staatlichen Forstverwaltung Surinams, das doppelt so groß ist wie Österreich, nehmen österreichische Experten in diesen Monaten den Tropenwald der vormals niederländischen Kolonie unter die Lupe, der rund 90 Prozent des Landes bedeckt. Und nicht nur das: Aus der reinen Zusammenarbeit in Sachen Wald, die als Pilotprojekt mit einem Volumen von 300.000 Euro schon auf Schienen ist, erwuchs ein bilaterales Kooperationsabkommen des Lebensministeriums über künftige Zusammenarbeit von Österreich und Surinam auch im Bereich erneuerbare Energie sowie bei Umwelttechnologien, speziell für Abwasser- und Müllentsorgung.

Doch eins nach dem anderen: Der zuständige surinamische Minister Ginmardo Kromosoeto will in einem ersten Schritt eine multifunktionale, nachhaltige Waldwirtschaft mit großer CO2-Speicherkapazität aufbauen, also das Land REDDplus-fit machen. Mit den REDDPlus-Mechanismen der Vereinten Nationen sollen Länder für den Erhalt von Regenwäldern mit Geld belohnt werden. Surinams Nachbarstaat Guyana etwa hat schon umfassende Verträge im Umfang von Milliarden Dollar abgeschlossen. Auch in Surinam sind die Voraussetzungen dafür gut, die 14,8 Millionen Hektar Urwald sind weitgehend unberührt.

Österreichs Forstkompetenz wird zwar weltweit geschätzt, dass es aber zur Kooperation zweier Länder kam, die bisher wenig miteinander zu tun hatten, war das Ergebnis von jahrelangen Vorbereitungen, schildert ANRICA-Geschäftsführer Markus Sommerauer: „Wir haben bei einer globalen Analyse einige Länder herausgefiltert, die einen großen Anteil an Waldfläche haben und dazu eine geringe Entwaldung. Surinam war eines dieser Länder, das für den Aufbau einer nachhaltigen Forstwirtschaft am besten geeignet ist.“

Fortan wurden erst auf private Initiative, dann via Regierungsstellen und mit viel Besuchsdiplomatie Kontakte nach Surinam geknüpft. Lebensminister Niki Berlakovich startete bei der Klimaschutzkonferenz 2009 in Kopenhagen erste Gespräche mit offiziellen Vertretern Surinams. Eine Schlüsselrolle kam auch Gerhard Mannsberger zu, dem Leiter der Sektion Forstwesen im Ministerium (siehe Interview auf Seite 32). „Die Politik muss sehen, dass das auch wirtschaftlich Sinn macht. Im Endausbau sind durch diese Kooperation Projekte im zweistelligen Millionenbereich für die heimische Wirtschaft greifbar“, sieht Mannsberger weite Horizonte.

Wirtschaftsfaktor Wald Dass Surinam mit seinem tropischen Regenwald auf immensen Schätzen sitzt, die zur vorteilhaften Entwicklung des armen Landes nutzbar sind, hat zuletzt die Interamerikanische Entwicklungsbank IDB in einem Länderreport festgestellt. „Die Surinamer kennen ihren eigenen Wald in der Gesamtheit noch nicht“, bestätigt auch Michael Kleine von ANRICA, „die jüngsten Luftbilder vom ganzen Land sind von 1957, analog und schwarzweiß. Neuere Satellitenbilder gibt es zwar, aber sie sind extrem teuer und nützen uns manchmal nicht, weil oft große Flächen durch Wolken bedeckt sind. Eine terrestrische Erkundung der Fläche wäre absolut unmöglich.“

Kleine, der schon in Europa, Asien und Lateinamerika Waldinventuren und ähnliche Projekte durchgeführt hat, entwickelte gemeinsam mit dem Bundesamt für Wald in Wien und Joanneum Research in Graz ein System, das die Wald- und Kohlenstoffinventur deutlich günstiger ermöglicht als bisher. „Ob eine Inventur dieser Größe 10 oder nur 4 oder 5 Mio. Euro kostet, macht bei kleinen Schwellen- und Entwicklungsländern einen großen Unterschied“, weiß Sektionschef Mannsberger. Das Neue an dem von Joanneum Research entwickelten System der Fernerkundung: eine auf die Tragfläche einer Cessna-Propellermaschine montierbare Kamera nimmt hochaufgelöste Stereo-Bilder auf. Die Kamera mitsamt GPS-Einheit und Datenspeicher wiegt nur rund 18 Kilo und verursacht nur einen Bruchteil der herkömmlichen Kosten für ein eigenes Fernerkundungsflugzeug. „Ein Kollege führte die Anlage im normalen Fluggepäck mit“, erzählt Kleine. Bei den Testflügen hat man Bilddaten im Umfang von fünf Terabyte gesammelt. Diese wurden anschließend im Forschungszentrum für Wald in der Nähe des Schönbrunner Tiergartens in Wien drei Wochen lang durch die Rechner geschickt. Am Ende entstanden Bilder, die mit einer speziellen 3D-Brille jeden Baum zum Greifen nahe sichtbar machen, obwohl die Fotos aus 800 Meter Höhe geschossen wurden. „Das Bildverarbeitungsprogramm errechnet ein hoch präzises Kronenoberflächenmodell“, erläutert Klemens Schadauer, der im Bundesamt für Wald Chef des Instituts für Waldinventur ist.

Landnutzung mit Luftbildern Luftbilder reichen aber nicht, ab November kommen die sogenannten Treespotter ins Spiel: Gruppen aus bis zu zehn Spezialisten dringen mit Kompass und Machete in den Dschungel vor, um auf Stichproben-Flächen jener Abschnitte, die zuvor aus der Luft erfasst wurden, jeden Baum zu identifizieren und zu vermessen. Dabei kommt den einheimischen Experten eine Schlüsselrolle zu. Sie können jeden Baum bestimmen, oft müssen sie dafür am Blatt riechen oder es kauen. „Wir werden rund 500 Probeflächen untersuchen“, schätzt Kleine. Mit den Stereo-Fotos von den 5 bis 10 Prozent der Fläche und Stichproben am Boden, dem Ground Truthing auf jeweils 100 mal 20 Meter Fläche, lässt sich der gesamte Bestand des Landes an Holz und Biomasse und somit die Fähigkeit zur CO2-Speicherung statistisch hochrechnen. Auch fünf Studenten der Wiener Universität für Bodenkultur sollen einen Monat lang zwischen November und März den Dschungel Surinams durchstreifen. Dafür sucht ANRICA Sponsoren, um die Spesen von rund 25.000 Euro für die Studenten-Einsätze zu decken.

ANRICA-Chef Sommerauer hat zuletzt in Washington mit IDB-Vertretern über Unterstützung und Finanzierung für Surinams Waldinventur verhandelt. Er hilft dem Land auch bei Programm- und Projektformulierungen, Michael Kleine hielt in Paramaribo einen Stakeholder-Workshop mit 80 Teilnehmern ab, darunter Surinams Forstminister und Spitzenbeamte aus Brasilien. „Wenn wir in Surinam entsprechende Ergebnisse liefern, können wir davon ausgehen, dass unser System bei Forstinventuren ähnlicher Länder zum Einsatz kommt“, ist Sommerauer optimistisch. Er ortet auch Interesse an einer Erhebung des Mangrovenwaldes und erhielt Anfragen aus dem Nachbarstaat Guyana.

Das in Österreich entwickelte System könnte auch für die gesamte Landnutzungs-Planung eines Staates nützlich sein. Und weil etwa die IDB Surinam jüngst an die letzte Stelle der südamerikanischen Länder reihte, was die Nutzung von erneuerbarer Energie angeht, lägen allein daher auch noch weitere Business Opportunities für Austro-Firmen auf der Hand.

© corporAID Magazin Nr. 41
Text: Harald Klöckl